Unser Beitrag für die Biodiversität in 2025 – ein persönlicher Bericht aus einer Woche im Šumava Nationalpark

Mit Gummistiefeln im Moor zu stehen ist so ziemlich das Gegenteil von meinem typischen Arbeitsalltag. Doch kam mir diese Abwechslung mehr als gelegen! Denn jeden Tag nur am Schreibtisch in den eigenen vier Wänden unsere Welt zu einer besseren machen zu wollen, fühlt sich nicht selten an wie der klägliche Versuch, einen Waldbrand mit einem Glas Wasser löschen zu wollen (während am anderen Ende weiter fleißig Öl reingekippt wird).

Einmal selbst den Spaten in die Hand nehmen und am Ende des Tages mit einem direkt sichtbaren Ergebnis ins Bett gehen? Klang für mich nach einem Angebot, das ich nicht ablehnen konnte. Und glücklicherweise musste ich auch nicht, denn als BiGC-Mitglied haben wir uns ja schließlich verpflichtet, regelmäßig biodiversitätsfördernde Maßnahmen umzusetzen. Für meine Teilnahme am Šumava Wilderness Camp war also auch kein Urlaubsantrag notwendig.

Über das Šumava Wilderness Camp

Eine Teilnahme am „Wilderness Camp“ als Arbeitszeit verbuchen? Clever!

Wenn das gerade dein Gedanke war, kann ich das nachvollziehen. Denn der Name des Programms klingt im ersten Moment tatsächlich mehr wie ein netter Ausflug in die Natur als nach harter Arbeit. Die Wahrheit liegt irgendwo dazwischen — denn das Programm wurde bewusst als ein Mix aus beidem zusammengestellt.

Das Wilderness Camp wird nun schon seit 3 Jahren veranstaltet, wobei der Fokus jedes Jahr auf Renaturierungsmaßnahmen der Moore liegt. Organisiert und betreut wird das Ganze dank der Unterstützung des Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds von Na mysli (übersetzt ins Deutsche heißt der Name „im Sinn“), einer gemeinnützigen Organisation in Tschechien, die sich mit den Themen globale Nachhaltigkeit, Klimawandel und damit verbundenen Aspekten beschäftigt. Seit 2023 ist Na mysli auch Länderkoordinator des Europäischen Klimapakts (als Teil des Green Deals) für die Tschechische Republik.

In den Hochmooren von Šumava

Der tschechische Nationalpark „Šumava“ erstreckt sich über 68.064 Hektar entlang des Grünen Bandes und grenzt direkt an den Bayerischen Wald. Doch er ist nicht irgendein Nationalpark, sondern ist mit seiner Moorlandschaft geographisch eine echte Besonderheit. Denn diese Art von Ökosystemen ist eigentlich typisch für nördliche Breitengrade, aber so gar nicht für Mitteleuropa. Wie kann es also sein, dass hier entgegen seinem natürlichen Verbreitungsschwerpunkt (Kanada, Alaska, Nordeuropa, Sibirien und Südostasien) ein Moor entstehen konnte?

Die Antwort ist wie so oft: Die letzte Eiszeit, während der Inlandeis aus Skandinavien und Alpeneis sich dort hinbewegten, wo heute Šumava ist. Dadurch konnten sich lokale Gletscher in den höheren Lagen des Böhmerwalds bilden. Dieser Prozess führte zur Entstehung von fünf Gletscherseen auf tschechischer Seite: Laka, Prášilské jezero, Plešné jezero, Černé jezero und Čertovo jezero. Diese Seen wurden zu den „Keimzellen“ für die späteren Moore. Gleichzeitig etablierte sich unter dem Einfluss des nördlichen Gletschers eine Tundra-Vegetation. Dieser Tundra-Charakter hat sich in den heutigen Torflandschaften erhalten, die dank des speziellen Hochlagenklimas als Eiszeit-Relikte bewahrt blieben.

Historische Trockenlegung der Moore

Leider hat der Mensch diesem wertvollen Ökosystem in den letzten Jahrhunderten ganz schön zugesetzt. Der Beginn der Entwässerung von Mooren liegt bereits mehrere Jahrhunderte zurück und begann in Šumava ca. Ende des 19. Jahrhunderts — hauptsächlich für die Holzproduktion. Später kamen dann der industrielle Abbau von Torf als Brennstoff und Pflanzsubstrat sowie das landwirtschaftliche Nutzbarmachen der Flächen hinzu. All das führte dazu, dass 70% der Moore in Šumava trockengelegt waren, mit drastischen Folgen:

  • Verdrängung spezialisierter Arten und Verlust der genetischen Vielfalt
  • Fragmentierung von Lebensräumen und Entstehung einer unausgeglichenen Landschaftshydrologie
  • CO₂-Freisetzung durch die Zersetzung von Torf und damit Beschleunigung des Klimawandels und umgekehrt
  • Verringerung des Grundwasserspiegels
  • Erwärmung der Landschaft durch fehlenden Kühlungseffekt der Feuchtgebiete
  • Mikroklima-Veränderungen in der gesamten Umgebung
  • Hochwasserschäden durch fehlende natürliche Wasserrückhaltung

Wiedervernässung und Renaturierungsmaßnahmen

Im Jahr 1991 wurde dieser Zerstörung endgültig der Riegel vorgeschoben, denn in diesem Jahr gründete sich der Nationalpark Šumava und stellte damit die Hochmoore und Moorwälder erstmals unter Naturschutz. Seit 1999 werden unter Administration des Parks umfassende Maßnahmen durchgeführt, um die Zerstörung der Moore wieder umzukehren. Innerhalb des EU-geförderten „Life for Mires“-Projekts (2018-2024) konnten in Zusammenarbeit mit dem Nationalpark Bayerischer Wald, BUND Naturschutz Bayern, Universität Südböhmen und hunderten von Freiwilligen folgende Erfolge erzielt werden:

  • 2.183 Hektar Feuchtgebiete renaturiert
  • 35 Kilometer Fließgewässer wiederhergestellt
  • 212 Kilometer Entwässerungsgräben renaturiert/verschlossen
  • 1.185 Hektar degradierte Habitate insgesamt verbessert

Etwa zwei bis vier Standorte pro Jahr werden im Šumava Nationalpark jährlich renaturiert. Viele davon liegen in schwer zugänglichen Gebieten und verlangen intensive körperliche, manuelle Arbeit, weshalb der Einsatz von Freiwilligen hier unabdingbar ist, um die Renaturierungsziele erreichen zu können.

Freiwilligenarbeit im Šumava Wilderness Camp 2025

Tag 1 + 2: Ein Bach, 35 Freiwillige und sehr, sehr  viele Steine

Die ersten beiden Tage verbrachten wir auf einer bereits renaturierten Fläche, die zuvor (wie so viele andere Moorstandorte auch) durch die landwirtschaftliche Nutzung nicht mehr viel mit einer Moorlandschaft zu tun hatte. Unter anderem wurde dafür der dort fließende Bach Kořenský potok begradigt. Aus landwirtschaftlicher Perspektive macht das auch erstmal total viel Sinn: Natürliche Bäche mäandern, überschwemmen regelmäßig ihre Auen und „verschwenden“ viel Land. Ein gerader Kanal transportiert Wasser effektiver ab und es entsteht zusätzliche, nutzbare Fläche. So die Idee. Die versprochenen Vorteile (Hochwasserschutz, bessere Erträge) kehren sich jedoch in der Praxis oft ins Gegenteil um:

  • Die Fließgeschwindigkeit erhöht sich drastisch — Wasser rauscht viel zu schnell durch!
  • Der Grundwasserspiegel sinkt, da weniger Wasser versickert
  • Flussabwärts steigt die Hochwassergefahr, da alle Wassermassen gleichzeitig ankommen
  • Die Umgebung trocknet aus, bis hin zur Versteppung der Landschaft
  • Verstärkte Erosion — bei Starkregen spült alles direkt weg
  • Dürreschäden durch fehlende Wasserspeicher
  • Verlust der natürlichen Nährstofffilterung — überschüssige Nährstoffe werden weggetragen, anstatt vom Boden absorbiert zu werden

Daher werden viele Flüsse und Bäche mittlerweile renaturiert — also wieder zurück in ihren natürlichen Verlauf gebracht. Genau das ist auch mit dem Kořenský potok geschehen — heute schlängelt er sich bereits seit 2 Jahren wieder malerisch durch die Landschaft und kann starken Regenfällen standhalten. Wenn man in dieser idyllischen Landschaft steht, ist es schwer vorstellbar, dass es dort mal ganz anders ausgesehen hat.

Die Begradigung fließender Gewässer wieder rückgängig zu machen, ist deutlich komplexer als die ursprüngliche Zerstörung. Das haben wir auch gleich bei unserem ersten Arbeitseinsatz zu spüren bekommen, denn wir durften zwei Tage lang Steine schleppen — und das, obwohl die Renaturierung doch eigentlich bereits als vollendet galt.

„Renaturierung“ bedeutet aber keineswegs, dass der Standort im Anschluss direkt wieder sich selbst überlassen werden kann und sich fortan selbst reguliert. Gerade in den ersten Jahren nach einer Renaturierung wird häufig ein erneutes Eingreifen erforderlich. Denn ganz egal wie gut die Planung, wie professionell die Umsetzung: Es ist schlicht unmöglich, eine Fläche mit solch einer Präzision zu renaturieren, dass Probleme im Nachhinein ausgeschlossen werden können. Komplexe Systeme lassen sich nicht einfach „reparieren“. Und die Natur lässt sich mit all ihren externen Einflüssen und unvorhersehbaren Ereignissen auch nicht genau berechnen.

Im Falle von Kořenský potok hieß das Problem Erosion, ausgelöst durch zu hohe Fließgeschwindigkeiten und eine stellenweise zu große Wassertiefe. Anstatt dass sich das Gewässer bei Regenfällen die Auen zunutze macht, sich ausbreitet und das Wasser an die Landschaft abgibt, wird immer mehr Boden weggespült und das Wasser gräbt sich immer tiefer.

OK, aber wozu jetzt Steine schleppen?

Um dem entgegenzuwirken, muss man es irgendwie schaffen, dass das Wasser flacher und langsamer fließt. Rein physikalisch funktioniert das nur, indem man das Bachbett künstlich an den tiefsten Stellen anhebt und an den Stromschnellen Hindernisse einbaut, um die Fließgeschwindigkeit zu verlangsamen. Beides funktioniert hervorragend mit Steinen. Sie fungieren als künstliche Kiesbänke und Strömungsbrecher und imitieren das, was in natürlichen Bächen über lange Zeiträume von selbst entsteht.

Wir arbeiteten mit Granitsteinen — demselben Material wie das natürlich vorkommende Gestein im Kořenský potok. Unsere Aufgabe war es, diese mit Hilfe von Eimern und Schubkarren zu den „Problemstellen“ am Bach zu transportieren und sie dann (unter professioneller Anleitung) im Bachbett zu versenken.

Tag 3 + 4: Bäume jäten als Naturschutzmaßnahme

Die nächste Aufgabe wartete in einem Moor, das in der Vergangenheit industriell abgebaut und später renaturiert worden war. Inmitten der weiten, dunklen Torflandschaften regenerieren sich manche Stellen schön mit Seggen und Torfmoosen, aber an anderen sprossen hunderte winzige, grüne Birkenbäume aus dem Boden, die sich dort von selbst fleißig vermehrt hatten. Das liegt teilweise am Klimawandel — trockene Sommer „töten“ die Moose, die dort wachsen sollten. Diesen kleinen Keimlingen musste jedoch leider verwehrt bleiben, zu großen, starken Bäumen zu werden.

Moment – überall werden Bäume fürs Klima gepflanzt, und hier müssen sie raus, FÜR den Naturschutz?

Das mag paradox klingen, doch das Ziel hier ist es, Moore zu renaturieren, nicht neue Wälder anzulegen. Birken stehen dem leider aus verschiedenen Gründen im Weg. Zunächst einmal kommen Birken zwar mit relativ wenig Wasser aus, trotzdem würde ein Moor auch durch Birken irgendwann austrocknen. Torfmoose sind außerdem auf direktes Sonnenlicht angewiesen, um zu wachsen — und Bäume würden das Moos zu stark beschatten. Die Birken sind hier also nicht hilfreich und können sogar als Symptom der Moorschädigung gesehen werden — denn in einem gesunden Moor würden sich Birken nur vereinzelt und hauptsächlich in Randbereichen etablieren.

Im nächsten Schritt werden dort künstliche Pools angelegt, damit sich neue Torfmoose ansiedeln können. Diese kleinen Wasserflächen imitieren die natürlichen Schlenken eines gesunden Moors und schaffen verschiedene Feuchtigkeitszonen für unterschiedliche Moorpflanzen. Über die Jahre wachsen die Moose langsam über die Poolränder hinaus und verwandeln die künstlichen Wasserlöcher in ein natürliches Moor-Mosaik.

Tag 5 + 6: Dämme bauen, Dämme reparieren

Für die Trockenlegung von Mooren werden typischerweise Entwässerungsgräben gegraben, durch die das Moorwasser abfließen kann. Diese bleiben leider bestehen, auch wenn schon längst nicht mehr aktiv entwässert wird, und hindern ein Moor daran, sich wieder zu vernässen. Deshalb ist ein wesentlicher Teil von Renaturierungsarbeiten in Mooren das Bauen von Staudämmen entlang der gesamten Länge dieser Gräben, um den Wasserabfluss vollständig zu blockieren.

Aber auch ohne solche Gräben ist es eine der wichtigsten Maßnahmen, den Wasserhaushalt im Moor zu regulieren und zu verhindern, dass Wasser unkontrolliert abfließt. Dämme helfen dabei, das Wasser strategisch zu steuern und Wasserstände zu erreichen, in denen Torfmoose, Seggen und andere Moorpflanzen tatsächlich wachsen können. Durch die Anhebung des Wasserstands kann außerdem die weitere Zersetzung von Torf gestoppt werden, die auf degradierten Moorstandorten typischerweise stattfindet und massive Mengen an CO₂ freisetzt. Langfristig kann sich stattdessen dort wieder neuer Torf bilden, der CO₂ speichert. Gesunde Moore sind wahnsinnig effiziente Kohlenstoffsenken und in der langfristigen Bilanz sogar bessere CO₂-Speicher als Regenwälder.

An unseren letzten beiden Arbeitstagen im Šumava Wilderness Camp haben wir uns in fleißige Biber verwandelt und sowohl einen neuen Staudamm gebaut als auch zwei bereits bestehende repariert. Letztere waren nicht mehr ausreichend gestützt und kurz davor, durchzubrechen. Durch unseren Arbeitseinsatz konnte glücklicherweise die Katastrophe noch rechtzeitig verhindert werden.

Und am Ende: Schmutzige Hände, aber mit gutem Gefühl

Es war ein großartiges Gefühl, praktisch zu solch einem Projekt beitragen zu können und am Ende der Woche zu wissen: Jeder Eimer Steine, jeder gejätete Birkenkeimling und jeder nun wiederhergestellte Damm hilft dabei, ein komplexes Ökosystem wieder ins Gleichgewicht zu bringen.

Besonders dankbar bin ich den Mitarbeitenden vor Ort, die ihr unglaubliches Wissen täglich mit uns geteilt haben und sich auch über das Camp hinaus ganz dem Schutz und der Renaturierung widmen.

Ich kann jedem Unternehmen nur empfehlen: Gönnt euren Mitarbeitenden eine Pause vom Schreibtisch und gebt ihnen die Möglichkeit, einen solch direkten Impact für die Biodiversität zu leisten. Und damit es sich richtig lohnt: Werdet am besten Mitglied bei Biodiversity in Good Company!

Für mich persönlich war die Teilnahme am Camp außerdem eine Erinnerung daran, dass nachhaltiges Handeln oft nur in kleinen, konkreten Schritten sichtbar wird — egal ob man vor Ort renaturiert oder am Schreibtisch Konzepte für eine bessere Welt entwickelt. Am Ende zählt, dass man anfängt, mitmacht und Verantwortung übernimmt. Jede noch so kleine Maßnahme kann langfristig große Wirkung entfalten — manchmal sogar in Form eines kleinen Moors voller Leben.

 

weitere Beiträge